Realität Ägypten

„Meine Generation muss kämpfen.
Für die kommenden Generationen.“

Die Kluft zwischen der Schönheit der ägyptischen Hochkultur, den kolossalen Monumenten, und der Perspektivlosigkeit der in Luxor lebenden Menschen könnte nicht größer sein.
Unsere Unterkunft liegt weit abseits der Hotelfestungen. Wir streben es bei unseren Reisen an, dem Leben der Einheimischen so nah wie möglich zu kommen, um Authentizität zu fühlen, für uns unvorstellbare Lebensweisen zu erleben, ins Gespräch mit den Menschen zu kommen und dadurch unseren Horizont zu erweitern. Durch einen glücklichen Zufall lernen wir Ashraf als unseren Wüsten-Guide kennen.

Und er ist es, der unsere Reise an den Nil zu einer unvergesslichen macht. Nicht nur durch die Fahrt durch die Wüste – die atemberaubende Weite, die sich vor uns ausbreitet -, sondern zum Großteil durch seinen Respekt und sein Vertrauen, welches er uns entgegenbringt. Kurz nach Sonnenaufgang sitzen wir auf einem Teppich in der Wüste mit frisch zubereitetem Schwarztee, einem Blättchen Minze und viel Zucker. Wir genießen die Stille und den Frieden und Ashraf erzählt uns von seinem Leben in Luxor, den Schwierigkeiten im Land, dem Leiden der Menschen.

Die Erfahrungen, die wir dabei machen dürfen, sind oft schwer zu verdauen und bleiben dabei unvergesslich. Denn meist bedeutet es einen scharfen Schnitt für unseren Lebensstandard der europäischen Wohlstandsgesellschaft. Wir verlassen unsere Komfortzone und wagen uns in eine vollkommen neue Welt, die dem Großteil der Touristen verborgen bleibt. Von unserem Apartment aus legen wir die Strecken zu Fuß zurück, um so viel wie möglich vom täglichen Leben der Einheimischen mitzubekommen. Dies jedoch bewegt die Boots-, Kutschen- und Taxifahrer hartnäckig auf uns einzureden, um uns für wenige ägyptische Pfund zu jedem beliebigen Ziel zu bringen. Auch wenn keine Minute vergeht, in der wir nicht angesprochen werden, lehnen wir freundlich – aber bestimmt – ab, und bahnen uns einen Weg durch volle, sandige Straßen. Zwischen – mit bis zu fünfköpfigen Familien – vollbeladenen Motorrädern, eselgezogenen Pritschen, Fahrrädern, Kühen auf Ladeflächen und Kleinbussen, die alle hupend in und gegen die Fahrtrichtung fahren, teilweise rasen. Ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich.

Nach etwa 5 km Fußmarsch gewöhnen wir uns, so gut wie möglich, an die Lautstärke, den Verkehr und die permanenten Angebote und können unsere Blicke auf die überfüllten Märkte richten. Hier wird alles verkauft. Von der Kinderpuppe, über zappelnde Gockel bis hin zu in der brühenden Sonne hängenden Rinderhüften. Touristen findet man hier kaum, denn sie strömen regelrecht zu den typischen Hotspots wie den Tempelanlagen und deren imposanten Säulenhallen, in das Tal der Könige oder zum äußerst populären Hatshepsut-Tempel. In der Sicherheit ihrer All-inclusive-Komfort-Existenz. Da ist es schon ok zwischendurch ein Selfie mit den einheimischen Tempelwächtern zu machen oder zu einem Souvenir nicht nein zu sagen. Natürlich bewundern auch wir die Monumente, das grandiose Weltkulturerbe in all seinen Facetten. Doch wir wollen uns als Reisende von dieser Scheuklappen-Mentalität differenzieren und den Menschen respektvoll und aufrichtig begegnen. Nur so bekommen wir die Chance auf einzigartige, vertrauensvolle Begegnungen, wie jene mit Ashraf. „Ich liebe die Wüste. Sie ist mein Ort der Ruhe. Mein Ort der Freiheit.“

Ashraf verbringt seinen Alltag in der Wüste. Wir können dies sehr gut nachvollziehen. Denn auch wir genießen die Stille und bekommen das Gefühl uns dadurch selbst besser hören zu können. Auch an touristenlosen Tagen ist Ashraf an seinem Lieblingsort, denn hier fühlt er sich frei. So frei wie dies in Ägypten möglich ist. „In Ägypten gibt es keine Freiheit. In Ägypten darf man nichts sagen. Wenn du redest, landest du im Gefängnis.“ Ashrafs Kopf senkt sich während er von den unzähligen Gefangenen und deren zerrissenen Familien erzählt, die inhaftiert sind, weil sie sich regimekritisch zeigen. Auch Ashraf hat Angst und macht uns deutlich, dass wir ihn mit der Aufzeichnung unseres Gespräches in Gefahr bringen könnten. Denn alles wird überwacht. Auch Social Media. „Wenn ich auf Facebook oder Twitter etwas sage, klopfen sie um 5 Uhr morgens an meine Tür. Und dann darf ich niemanden mehr sehen.“

Er spricht mit den Touristen nie über sein Leben. Denn seine Aufgabe ist es ihnen ausschließlich die Schokoladenseite, die schönsten und beeindruckendsten Abschnitte Luxors zu zeigen, auf Kamelen oder Quads. Die soziale und finanzielle Situation der etwa 500.000 in Luxor lebenden Menschen soll hinter dem Vorhang versteckt bleiben. Und doch ist sie bittere Realität. Die Korruption im Land lässt die Menschen leiden. Der Arabische Frühling wird als missglückter Versuch gesehen, das Land in die Freiheit zu führen, der jedoch eher das Gegenteil bewirkte. Wer das Regime kritisiert, kommt ins Gefängnis. Es herrscht Armut und Hoffnungslosigkeit. „Wir wissen nicht wie wir unsere Ziele erreichen können.“ Ashraf ist einer  von zahlreichen Ägyptern, die auf eine glücklichere Zukunft hoffen. Vor allem für kommende Generationen. „Ich warte auf Gottes Hilfe. Denn das, was ich sehe, ist sehr hart! Als Moslem glaube ich an Gott und warte auf Gottes Hand.“ Wie kann es sein, dass Menschen in einem Land wie Ägypten, das eine jahrtausendealte Geschichte zu erzählen, grandioses Weltkulturerbe zu zeigen hat, in solch einer Aussichtslosigkeit leben müssen? Doch Ashraf ist zuversichtlich und voller Hoffnung. Er ist überzeugt, dass sich die Lage irgendwann zum Guten wendet. Dass die Straßen wieder sauber sind, das Vertrauen in die Menschen zurückkommt und die Kinder wieder mit Perspektive leben können. Dass sie sich ihre Meinung bilden und diese äußern dürfen. Ohne vom Militär bewacht und bedroht zu sein. Ohne um ihr Leben fürchten zu müssen. Mit diesem positiven Gefühl und einer unvergesslichen Erfahrung mehr verlassen wir den östlichen Teil der Wüste. Unsere Reise nach Luxor beweist uns wieder einmal, dass Offenheit und Respekt vor unserem Gegenüber, sowie Reflexion durch Perspektivenwechsel Türen zu neuen Welten öffnet. Außerdem bin ich nun einmal mehr davon überzeugt, dass in jedem von uns Lebensfreude steckt. Unabhängig von unserer Situation müssen wir nur tätig werden und uns darauf konzentrieren, was uns glücklich macht.

Text: Charlotte Gasteiger
Fotos: Thomas Griesbeck

0 Kommentare

Hinterlasse ein Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Lesen Sie auch: